Vorwort zur 2. Auflage der deutschen Kurzfassung von "Musik macht Schule"

Vier Jahre nach der Drucklegung des Schlussberichts über die wissenschaftliche Begleitung des schweizerischen Schulversuchs mit erweitertem Musikunterricht kann man mit Genugtuung feststellen, dass der Titel "Musik macht Schule" sich nicht mehr nur auf die berichteten Erfahrungen bezieht, sondern auch etwas von der Kraft der als psychologisches Phänomen bekannten sich selbst erfüllenden Prophezeiung entwickelt hat: Musik hat unterdessen vielerorts, zu unserer Freude auch im Ausland, Schule gemacht. Die erste Auflage der vorliegenden Broschüre betrug (in der deutschen Fassung) I '200 Exemplare, die wir zumeist auf Bestellung abgegeben haben, wobei die Nachfrage über die Zeit stetig zugenommen hat.

Über die zwischenzeitliche Entwicklung in der Schweiz wollen wir in dieser Neuauflage berichten; die entsprechenden Seiten finden sich am Schluss der Broschüre. Die Darstellung will nicht erschöpfend sein, sondern stellt einige besonders erfreuliche kantonale Beispiele vor. Generell lässt sich feststellen, dass sich die Idee des erweiterten Musikunterrichts (EMU) wandelt. Während er in den Schulversuchen vorwiegend auf das Fach Musik selber bezogen war, zeichnet sich heute eine musikalische Durchdringung des gesamten Unterrichts ab, eine Art musikalische Vernetzung über die Fächer hinweg. Bemerkenswertes spielt sich auch in Lehrerbildungsstätten ab. So haben wir z.B. erst vor wenigen Tagen gehört, dass im Seminar Solothurn eine EMU-Gruppe besteht und eine beachtliche Anzahl der letzten Abgängerinnen und Abgänger von Anfang an "so" Schule halten will. Weiter sind in den vergangenen Jahren von angehenden Lehrerinnen und Lehrern viele einschlägige schriftliche Qualifikationsarbeiten entstanden.

Eigentlich hat schon das als Stabreim formulierte Motto des Schulversuchs – Bessere Bildung mit mehr Musik – eine eigentümliche, suggestive Wirkung gehabt. Die darin enthaltene Annahme der aussermusikalischen Wirkungen von (erweitertem) Musikunterricht wurde von Aussenstehenden nur sehr selten in Frage gestellt. Für Maria Spychiger aus dem wissenschaftlichen Team jedoch wurde die kritische Auseinandersetzung mit der These "Bessere Bildung mit mehr Musik" und die Frage, ob diese eine taugliche Begründung der bildungspolitischen Forderung nach mehr Musikunterricht an den öffentlichen Schulen darstelle, zum Dissertationsthema. Diese Arbeit wurde im Sommer 1995 abgeschlossen und publiziert und ist auf den folgenden drei Seiten zusammengefasst.

Tatsächlich bemühen wir heute, wenn wir Bildungspolitiker von der Wichtigkeit des Musikunterrichts in den Curricula unserer Schulen überzeugen wollen, nicht mehr als erstes das Phänomen der aussermusikalischen Wirkungen von erweitertem und gutem Musikunterricht. Vielmehr verweisen wir selbstbewusst auf die Gleichwertigkeit von Musikunterricht mit andern Fächern und auf die Gleichrangigkeit des musikalischen mit andern Zeichensystemen, etwa dem mathematischen oder dem sprachlichen. Entscheidungsträger, die finden, Musik sei zwar etwas Schönes, für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn aber doch nicht so wichtig, fordern wir auf, sich vor Ort bei den Musikklassen ein Bild zu machen. Die musizierenden Kinder und Jugendlichen werden auch Hartgesottene anrühren und sie davon überzeugen, dass ein guter Musikunterricht wesentlich zu einer guten Schule beiträgt und zur Menschenbildung gehört.

Im März 1997 Ernst Waldemar Weber

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