Die vergessene Kompetenz  

Stellenwert der Musik im Kreis der menschlichen Anlagen       NZZ 19. September 2000

Vor zwei, drei Jahren war sie in aller Munde: Die „Emotionale Intelligenz" von Daniel Goleman. Was mit diesem Titel angesprochen wurde, war für viele so unmittelbar einleuchtend, dass es für sie gar nicht nötig war, das Buch zu lesen, um davon begeistert zu sein. Denn damit hatte sich endlich ein Begriff eingestellt, der sich als argumentatives Gegengewicht zur viel beklagten Kopflastigkeit eignete.

Unausgesprochen wurde bereits auf dem Umschlag – dort prangt ein „EQ" – eine Polarität zur IQ-Intelligenz suggeriert, und im Klappentext heisst es wörtlich: „EQ, der ‚emotionale Quotient’ meint diejenige Intelligenz, die sich in unserem Verständnis und unserer Handhabung menschlicher Gefühle zeigt ...". Das ist natürlich Unsinn: Ein „Emotions-Quotient" würde voraussetzen, dass man Emotionen exakt messen und in Zahlen ausdrücken könnte, die man dann (eben als Quotient) mit „normalen" Werten vergleichen könnte. Und dass ein Quotient – wenn es ihn denn gäbe – keine Intelligenz sein kann, dürfte klar sein.

Abgesehen davon ist das Buch eigentlich lesenswert. Goleman hat es verstanden, die nicht ganz einfache Materie ohne Konzessionen an wissenschaftliche Genauigkeit so darzustellen, dass der Text flüssig zu lesen ist. Es ist eine Alltags-Psychologie, die hier wortreich und mit journalistischem Geschick ausgebreitet wird.

Aber genau genommen ist die sogenannte Emotionale Intelligenz nichts Neues. Bereits 1981 hatte der Harvard-Professor Howard Gardner sein Modell der 7 „Multiplen Intelligenzen" vorgestellt. Während im traditionellen IQ ausschliesslich die linguistische, die mathematisch-logische und die räumliche Intelligenz als Komponenten berücksichtigt sind, nennt Gardner zusätzlich die musikalische, die körperlich-kinästhetische, die intrapersonale und die interpersonale Intelligenz, und alle sieben zudem ausdrücklich als autonome, von einander unabhängige Intelligenzen.

Aus den beiden personalen Intelligenzen wurde – zusammengefasst und überarbeitet – bei Goleman die „Emotionale Intelligenz". Zwar haben diese emotionalen Kompetenzen auch bei Gardner eine besondere Stellung: Es sind Meta-Fähigkeiten, also Fähigkeiten, welche die Entfaltung und Regulierung der andern Intelligenzen und Begabungen erst ermöglichen, z.B. Begeisterungsfähigkeit, Ausdauer, Empathie oder die wichtige Fähigkeit, einen Impuls hinauszuschieben. Es ist das Verdienst Golemans, das Publikum weltweit und in allen Bevölkerungsschichten auf diese Mechanismen angesprochen zu haben. Umso weniger ist zu begreifen, weshalb Goleman dabei zwei wichtige Kompetenzen vergessen hat: die körperlich-kinästhetische und die musikalische Intelligenz.

Beide Intelligenzen haben ausgeprägte emotionale Anteile: Die Körpersprache ist für die menschliche Kommunikation wichtiger ist als die verbale Botschaft. Oder denken wir daran, dass ein Baby heftig strampelt, wenn es sich freut, dass auch Erwachsene zu Freudensprüngen fähig sind, denken wir daran, welche grosse und übertragende Wirkung von der Mimik eines Clowns ausgeht. Bei Volkstänzen sind mir immer die freudig gelösten Gesichter der Tanzenden aufgefallen, und wir wissen genau, dass sich eine gedrückte oder eine aufgestellte Stimmung in der Körperhaltung äussern. Noch offensichtlicher ist die Verbindung zwischen Musik und Emotion. Aber gleichzeitig sind hier die Zusammenhänge merkwürdig verschleiert. Sie scheinen ein Geheimnis zu sein, das vielleicht in der frühen Kindheit und in der Evolution gründet.

Wie steht es aber um die vergessene musikalische Intelligenz? Wer musikalisch intelligent ist, kann eine Melodie nachsingen, einen Rhythmus übernehmen, er kann sich an Rhythmen und Melodien erinnern, kann beurteilen, wie eine angefangene Melodie oder ein Rhythmus weitergehen soll, ob ein Schluss passt oder nicht. Musikalische Menschen spüren den Grad der Verwandtschaft zwischen den Tonarten, die besondere Beziehung der Dominante und der Subdominante zur Tonika, sie erkennen Umkehrungen, die Vergrösserung und Verkleinerung von Motiven und Melodielinien. Leit- und Gleittöne werden als solche empfunden, unddiese Fähigkeiten sind in allen Menschen von Geburt her angelegt und warten darauf, gefördert und entwickelt zu werden.

Zur musikalischen Intelligenz gibt es interessante neuere Forschungsergebnisse: Keine andere Intelligenz manifestiert sich so früh im menschlichen Leben wie die Musik. Bereits im fünften Monat der Schwangerschaft reagiert der Fötus auf Musik mit Bewegungen und verändertem Herzschlag. Es scheint sogar, dass Säuglinge, die während der Schwangerschaft immer wieder Musik hörten, weiter entwickelt waren in bezug auf Grob- und Feinmotorik, sprachliche Entwicklung und einzelne Aspekte der körperlichen Koordination und des kognitiven Verhaltens.

Das erste Lächeln erscheint bei ungefähr drei Wochen alten Säuglingen zum ersten Mal breit und eindeutig, wenn sie eine hohe Frauenstimme hören, und die Freude eines wenige Wochen alten Kindes an den mit der eigenen Stimme produzierten Tönen zeigt sich in heftigem Strampeln. Lange bevor das Kind Sprache verstehen kann, begreift es über den Sprachton, den Klang der Stimme, also ein musikalisches Signal, unmittelbar die Gefühlslage der Mutter und kann so mit ihr kommunizieren. Deshalb hat Karl Adamek das Singen als die eigentliche „Muttersprache des Menschen" bezeichnet, die jenseits der Worte für alle Menschen intuitiv verständlich ist. Es ist entscheidend wichtig, dass die Mutter mit dem Kind spricht und singt.

In einer berühmten Studie mussten High-School-Studenten anspruchsvolle räumlich-zeitliche Tests lösen. Diejenigen, die vorher eine Mozart-Sonate gehört hatten, schnitten dabei deutlich besser ab als diejenigen, die Minimal-Music gehört oder eine Ruhepause gemacht hatten. Weil es sich dabei um einen nach kurzer Zeit abklingenden Effekt handelte, machte man entsprechende Versuche mit kleinen Kindern, deren Gehirn noch plastischer ist. Und siehe da, es konnten langfristige Wirkungen, also bleibende neurale Veränderungen nachgewiesen werden. Auf Grund dieser Ergebnisse wird vermutet, dass frühe musikalische Erfahrungen jene neuronalen Verbindungen vorbahnen, die auch für höhere geistige Funktionen benötigt werden. Musik würde also gewissermassen „den Geist öffnen". Diese Forschungen stehen erst am Anfang einer zweifellos hochbedeutenden Entwicklung.

Untersuchungen mit dem EEK dokumentieren, dass es im Gehirn kein Musik-Zentrum gibt, sondern dass bei der Verarbeitung von Musik immer verschiedenste, zum Teil weit auseinanderliegende Regionen, auch über die Hemisphären hinweg, beteiligt sind. Dabei ergeben sich bei bestimmten Musikstücken auch bei unterschiedlichen Personen ähnliche Vernetzungsbilder. Bei Musikern enthält das corpus callosum, die Verbindung zwischen den Hemisphären mehr Nervenfasern, die Hemisphären sind also stärker vernetzt, und zwar umso deutlicher, je früher der Musikunterricht eingesetzt hat.

Betrachten wir die Beziehungen der verschiedenen Intelligenzen zueinander, so zeigt sich bald, dass alle Intelligenzen unter sich nur lockere, zur Musik jedoch starke Bindungen unterhalten. Die graphische Umsetzung dieses Faktums zwingt die Musik in die Mitte im Kreis der sechs andern Intelligenzen. Tatsächlich ist die Musik für alle andern Intelligenzen die zentrale Bezugsintelligenz. Sie ist die universalste unter den Intelligenzen; das zeigt sich auch darin, dass ihr im Gehirn kein Areal zugeordnet werden kann und in der bereits erwähnten „Öffnung des Geistes" durch die Musik: Im Geistigen ist Musik immer präsent.

In diesem Zusammenhang möchte ich abschliessend noch einen schönen, leider nicht von mir stammenden Gedanken äussern: Jede Intelligenz kennt einfachste, banale Grundkompetenzen; die höheren, verfeinerten Ausdrucksformen unserer Intelligenzen aber sind die Künste, und je höher die Ansprüche sind, umso enger ist ihre Verbindung zur Musik. Ausführlicher habe ich all dies in meinem Buch „Die vergessene Intelligenz" dargestellt.

zurück zu Zeitungsartikel