Schafft die Hauptfächer ab

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"Schafft die Hauptfächer ab". Intelligenz durch musische Erziehung.

Ernst Waldemar Weber meint mit seinem zunächst als Provokation wirkenden Buchtitel "Schafft die Hauptfächer ab"* keineswegs, dass Rechnen, Sprache und naturwissenschaftliche Fächer nicht mehr unterrichtet werden sollten; er will lediglich die Kunstfächer, darunter besonders die Musik (Singen) und Tanzen den wissenschaftlichen Fächern gegenüber gleichgestellt wissen, auch als Examensfächer. Das wird von ihm überzeugend begründet, nicht zuletzt auf dem statistisch-wissenschaftlichen Hintergrund der zunächst in Ungarn, dann in Österreich, Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und in der Schweiz durchgeführten kontrollierten Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht.

Der deutsche Forschungsdienst schrieb schon 1975: "Kinder, die von der ersten Klasse an eine intensive Musikerziehung geniessen, haben bei sonst gleichen Voraussetzungen ihren Altersgenossen bald einiges voraus: Sie sind allgemein schöpferischer, intelligenter und stabiler in ihrer Gefühlswelt." Der Autor hat selber als Lehrer solche Klassen geleitet und ist heute als Koordinator eines entsprechenden gesamtschweizerischen Schulversuchs in einer durch den Nationalfonds unterstützten, wissenschaftlich überprüften Evaluation tätig, dessen Schlussbericht im kommenden Sommer erwartet wird.

In Webers eigenen, sechs Jahre lang durchgeführten Schulversuchen zeigte sich, dass Schüler, die wöchentlich fünf statt zwei Lektionen Singen und Musik, dafür aber je eine Lektion Mathematik, Französisch und Deutsch weniger erhielten, in diesen "Hauptfächern" nicht nur nicht weniger leisteten, sondern im Durchschnitt die Schüler anderer Klassen sogar übertrafen. In dieser Schrift wird versucht, dies überraschende Resultat, das auch die genannten ausländischen Versuche bestätigen, nicht nur gemeinhin mit Schulung der Konzentration, der Gedächtnisstärke und der psychischen Ausgeglichenheit zu erklären, sondern vielmehr auch die physiologischen HIntergründe im Lichte der jüngsten Ergebnisse der Hirnforschung, der Erforschung der vernetzten Denkvorgänge und des Erfassens fraktaler Strukturen, somit des kreativen Denkens, aufzudecken. Die Split-Brain-Forschungen an separierten Hirnhemisphären bei durchschnittenem Balken, durchgeführt an Epilepsiepatienten, haben die unterschiedlichen Funktionen der beiden Hirnhälften klargelegt und gezeigt, dass die linke Hälfte für Sprache und logisch-analytische Verarbeitung von Umwelteindrücken zuständig ist, während die rechte für ganzheitliches Erfassen von komplexen Zusammenhängen, für Formen, Farben und Musik da ist. Beide Bereiche müssten aber für ein optimales Funktionieren gleich gut geschult werden, und immer wieder wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass besonders die Musikausübung mit ihrer komplexen Beanspruchung von Kopf, Herz und Hand, um mit Pestalozzi zu reden, in dieser Hinsicht Wunder wirke: egal, ob es sich nun um das Spielen eines Instruments oder um das den ganzen Körper zum Einsatz bringende Singen handelt - es wird immer die ganze Gehirn- und Denkvernetzung in Anspruch genommen.

Auch wenn in Webers engagierter Zusammenfassung der Fakten die einleitenden Hinweise auf kosmisch-mythisch verstandene, harmonikale Gesetze Zweifel an der wissenschaftlichen Beweiskraft aufkommen lassen - die Folgerungen aus den rein wissenschaftlichen Erkenntnissen für eine Schule ohne Selektionsprinzip und Prüfungen, in welcher der Schüler auf Grund von Gesprächen mit den Lehrern selbst über seine Promotion entscheiden soll, überzeugen durchaus durch die unvoreingenommene Logik. Und auch die Hinweise, dass die Wirtschaft sich im mittleren und oberen Kader immer mehr kreativ geschulte Kräfte wünscht, nachdem der Computer die rein logischen Funktionen weitgehend übernommen hat, lassen eine entsprechende Schulreform, die mutig angegangen werden müsste, als höchst wünschbar erscheinen.

                                                                                        Fritz Muggler (Zürich). NZZ vom 16.1.92

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