PISA und was nun?                                     Ernst Waldemar Weber

Vortrag an der Tagung der Ehemaligen des Seminars Bern-Hofwil, 27. Dezember 2003

Es ist jetzt knapp zwei Jahre her, dass wir zur Kenntnis nehmen mussten, dass unsere 15-jährigen Schülerinnen und Schüler im Vergleich mit andern Ländern besonders im Lesen äusserst mässig abgeschnitten haben. Der Lesekompetenz kommt in der Bildung ohne Zweifel eine Schlüsselrolle zu, und sie ist ganz offensichtlich ein wunder Punkt in unseren Schulen. Lesen können heisst, einen Text zu verstehen, seinen Informationsgehalt zu erfassen, den Inhalt aber auch zu reflektieren und kritisch zu beurteilen.

Die Studie

In der PISA-Studie werden 5 Kompetenzstufen unterschieden: Im höchsten Niveau (5) verstehen die Jugendlichen anspruchsvolle Texte bis ins letzte Detail. Sie sind fähig, die relevanten Informationen zu erkennen und kritisch zu testen, auch wenn es sich um fachspezifische Texte handelt. Im Niveau 4 sind die Jugendlichen fähig, schwierige Aufgaben zu lösen, z.B. eingeschobene Informationen zu lokalisieren, sprachliche Nuancen zu erkennen und Texte kritisch zu beurteilen. Im Niveau 3 müssen Texte mittlerer Komplexität verstanden, Informationen aus verschiedenen Textteilen miteinander in Verbindung gebracht und mit dem vertrauten Alltagswissen in Beziehung gesetzt werden. Im Niveau 2 kann ein Text für grundlegende Aufgaben genutzt werden, etwa auf Grund der Information einfache Schlüsse zu ziehen oder die Bedeutung begrenzter Textteile mit Hilfe des eigenen Wissens zu verstehen. Im Niveau 1 verfügen Jugendliche bestenfalls über rudimentäre Lesekompetenzen. Sie können zwar in einfachen Texten einzelne Informationen ermitteln und diese mit dem bestehenden Wissen verbinden. Es gelingt ihnen aber nur ungenügend, das Lesen für das Lernen zu nutzen.

Zum Niveau 5 gehören im internationalen Vergleich 9,4% der Jugendlichen. In Finnland und in Neuseeland sind es 18%, und auch in Australien, Kanada und Grossbritannien gehören mehr als 15% zum Niveau 5. Die Schweiz dagegen liegt mit lediglich 9,2 % sogar unter dem Durchschnitt, in Deutschland sind es gar nur 8,8%. Noch schlimmer sieht es am untern Ende der Skala aus: Rund 13% der Schweizer Jugendlichen gehören dem Niveau 1 an, rund 7% erreichen nicht einmal dieses. Mehr als 20% der schweizerischen und rund 21% der deutschen Jugendlichen sind also am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht in der Lage, einen einfachen Text vollständig zu verstehen. In Finnland dagegen gehören nur rund 6,6% zu diesem Niveau. Dieser erschreckend hohe, überdurchschnittliche Anteil von Leseunfähigen und die Ränge 17 für die Schweiz und 21 für Deutschland in der Gesamtwertung Lesekompetenz der 32 beteiligten Länder (unter ihnen Brasilien und Mexiko) müssen zu denken geben.

Mangelnde Lesekompetenz schränkt die Möglichkeiten zum Lernen massiv ein. Es ist deshalb zu vermuten, dass die erwähnten 20% dem Unterricht nicht zu folgen vermochten und aus diesem Grunde in allen Fächern ungenügend sind. Die Tests zu Mathematik und Naturwissenschaft in PISA 2000 sind teilweise sprachlich durchaus anspruchsvoll und verlangen mindestens das Niveau 3. Die Leseunfähigen konnten diese Aufgaben also gar nicht bewältigen, weil sie sie nicht verstehen konnten. Die Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaft (auf die ich hier aber nicht eingehen will) müssten also hinterfragt werden.

Nun hat die Studie nicht nur die Lesekompetenz gemessen, sondern von jedem einzelnen Probanden auch die häuslichen Ressourcen ermittelt, nämlich die ökonomischen (Geld, Macht, Prestige), die kulturellen (Bildungszertifikate, Bücher, Bilder, Kunstwerke, Musik) und die sozialen Ressourcen (Netzwerke, die den Zugang zur Bildung erleichtern). Dieser Indexwert des ökosoziokulturellen Status des Probanden wurde auf der horizontalen Achse eingetragen, während vertikal die jeweils erreichte Punktzahl erscheint. Jeder einzelne Punkt beschreibt also durch seinen Ort die Werte eines bestimmten Probanden: Vertikal kann seine Leseleistung abgelesen werden, horizontal der ökosoziokulturelle Status.

Es ergibt sich für die Gesamtheit der Probanden ein ungefähr ovaler Schwarm von Punkten, ausgerichtet von links unten nach rechts oben. Der errechnete Durchschnitt aller Punkte ergibt die sogenannte Gradiente, die eine nach rechts ansteigende Linie (meist fast eine Gerade) darstellt. Es zeigt sich, dass die Leseleistungen der Kinder umso besser sind, je bildungsnäher die Eltern sind und je höher ihr Berufsstatus ist..

Die Steigung zeigt das Ausmass der durch die sozioökonomischen Gegebenheiten bedingten Ungleichheiten an. Je steiler die Gradiente (je grösser der Steigungsfaktor), umso grösser ist der Einfluss des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status auf die Lesekompetenz. Die durchschnittliche Steigung beträgt 41. Österreich liegt genau in diesem Durchschnitt; die Schweiz weist mit 49 den vierthöchsten Wert auf. Nur Tschechien mit 50, Ungarn mit 53 und Deutschland mit 60 liegen höher, Finnland dagegen mit 30 und Japan und Korea mit 21 liegen weit darunter.

Die Höhe ist der Mittelwert der Leseleistung und zwar, um vergleichbar zu sein, korrigiert auf die durchschnittliche Gradientenhöhe. Im Durchschnitt aller Länder liegt die Höhe auf 505 Punkten, für die Schweiz auf 499, für Deutschland auf 476, für Österreich auf 507, für Finnland auf 546 Punkten.

Wenn jeder fünfte 15-Jährige nur ganz ungenügend oder überhaupt nicht lesen kann, ist das zwar zunächst ein ernstes Problem für die Betroffenen. Aber für unsere Volkswirtschaft wird es dramatisch, wenn 20% eines Jahrganges im arbeitsfähigen Alter zu einer anspruchsvollen Arbeit kaum zu gebrauchen ist. Diese Leute leisten nicht nur keinen oder nur einen geringen Beitrag an die Produktivität, sie verursachen zudem häufig Kosten im Fürsorgebereich. Vor allem die Nachteile der ausländischen Herkunft sollten energisch angegangen werden. Kämen alle Talente zur Entfaltung, bedeutete das einen Zuwachs an Ideen und Motivation. So aber greifen viele Frustrierte zu Drogen und zu Gewalt.

Erwartungsgemäss erzielen in PISA 2000 die Immigranten unter den Probanden in der Leseleistung sehr viel schlechtere Resultate als die einheimischen Jugendlichen: Unter denjenigen von ihnen, die erst zwischen einem und vier Jahren bei uns sind, gehören rund 43% zur Risikogruppe, also unter Niveau 1, rund 21% zu Niveau 1, das heisst, dass fast zwei Drittel von ihnen praktisch als Analphabeten ins Berufsleben eintreten. Mit zunehmender Verweildauer nehmen die Leistungen zwar zu, aber nicht in befriedigendem Masse. Allerdings muss vermerkt werden, dass es gerade unter den zuletzt Angekommenen – möglicherweise aufgrund grösserer Integrationsbemühungen – auch hervorragende Leistungen gibt (rund 9% im Niveau 3, rund 5% im Niveau 4 und im Niveau 5 sogar rund 3%). Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass bei den Immigranten ein grosses Potenzial verborgen liegt. Zu bedenken ist auch, dass die Testsprache für diese Jugendlichen die erste Fremdsprache ist. Ausserdem müssen sie sich täglich mit einer weiteren Fremdsprache, nämlich unseren Dialekten, auseinandersetzen.

Die Schweizer Wirtschaft ist in den letzten 10 Jahren bloss um 11,3% gewachsen. Das ist der schlechteste Wert unter den europäischen Ländern, und verglichen mit Österreich (46,7%) oder Finnland (38,3%) steht das Land der Hirten und Bremser ziemlich abgeschlagen da. Gemäss einer OECD-Studie ist die verbesserte Bildung einer der Schlüsselfaktoren für wirtschaftliches Wachstum, und damit fällt das Stichwort Finnland. Dieses Land steht nicht nur in der PISA-Studie an der Spitze, es ist nach einer andern OECD-Studie von 2001 auch das konkurrenzfähigste Land der Welt.

Was ist zu tun?

Zwei Aufgaben sind dringend zu lösen: Wir müssen die Steigung der Gradiente abflachen und ihre Höhe anheben. Es fragt sich nur, wie das geschehen soll.

Im Juni dieses Jahres hat die EDK den „Aktionsplan PISA 2000-Folgemassnahmen“ vorgestellt. Ich kann befriedigt feststellen, dass alle diese Massnahmen bereits in meinem Buch „Pisa und was nun?“ vorgeschlagen wurden. Aber bei mir finden Sie viele weitere Vorschläge, z.B. Krippen massiv zu fördern (in Finnland gibt es für jedes Kind spätestens mit drei Jahren einen Platz im „Kindergarten“), institutionalisierte Aufgabenhilfe anzubieten, den Eltern bezüglich erzieherischer Verantwortung ins Gewissen zu reden, Eltern von schwierigen Schülern zu Erziehungs-Trainingskursen zu verpflichten, anderseits die Lehrkräfte zu ermahnen, nur durch die Schüler selbständig lösbare Hausaufgaben zu geben, die Urteilsfähigkeit der Schüler zu fördern, indem die Eigenbeurteilung in die Zeugnisnote einfliesst, die Selektionsmechanismen und die reinen Jahrgangsklassen zu überdenken, einen neuen gesellschaftlichen Konsens über Erziehung anzustreben, den Zugang zu kulturellen Werten gezielter zu fördern, durch ein schweizerisches Bildungsgesetz die überholte kantonale Schulhoheit abzuschaffen. Zum Thema Lesen habe ich geschrieben: „Das Erzählen, Aufschreiben, Übersetzen und Lesen von Geschichten fördert die Lesekompetenz, die ihrerseits Grundlage ist für aktive Beteiligung am Unterricht. Die Lust an spannenden, merkwürdigen, fantastischen, romantischen, erfundenen, unglaublichen Geschichten, Märchen und Sagen ist der Ursprung der Literatur.“

Im Massnahmenkatalog der EDK fehlt auch die Forderung nach einem Musikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler, der diesen Namen verdient, eine Forderung, die sich nach den Ergebnissen des Nationalfonds-Projekts „Bessere Bildung mit mehr Musik“ eigentlich aufdrängen würde. In dieser aufwändigen Studie wurde nachgewiesen, dass in den Klassen mit erweitertem Musikunterricht trotz massiver Reduktion der Unterrichtszeit in Mathematik, Muttersprache und erster Fremdsprache die Leistungen in diesen Fächern nicht schlechter wurden, die Effizienz, gemessen an der aufgewendeten Unterrichtszeit also massiv erhöht wurde, und dass in diesen Klassen das soziale Klima und die Motivation zum Lernen deutlich besser wurden.


Ich greife nun drei meiner Vorschläge heraus, betrachte sie etwas genauer und leite daraus ab, was verändert werden müsste, um sie umzusetzen.