Wie küsst die Muse in der Schweiz?

Erschienen am 26. September 2006 in der NZZ, allerdings gekürzt wegen Redundanz bezüglich Kulturförderungsgesetz mit einem Artikel von Katrin Spelinova-Bösch auf der gleichen Seite.

Der Artikel vom 14. Juni von Joachim Güntner über die ästhetische Erziehung in Deutschland muss auch in der Schweiz nachdenklich stimmen, denn auch bei uns liegt einiges im Argen. Zwar gibt es einzelne Klassen und Schulen, wo hervorragende Arbeit geleistet wird: Schultheater und Musicals, wo alle Sinne und alle Fähigkeiten gefordert sind und durch lustvolles Tun gefördert werden, Zeichenwettbewerbe, Chor- und Orchesterauftritte, Wettbewerbe für Kurzgeschichten, und alles unterlegt durch stetes und sorgfältiges Bemühen um die Grundlagen der Sprache und der Musik und um die Fertigkeiten im zeichnerischen und bildnerischen Gestalten. Doch leider sind dies die Ausnahmen; sie sind nur möglich dank engagierter und charismatischer Lehrerinnen und Lehrer mit künstlerischem Flair, eine Spezies, die immer seltener wird und in den modernen Pädagogischen Hochschulen nicht eben leicht nachwächst. Denn in aller Regel zählen – schon in den unteren Schuljahren – vor allem die „wichtigen" Fächer, die auch massgebend sind für das schulische Weiterkommen. Schön und rein singen, mit sauberer Artikulation sprechen, ein Gedicht auswendig und ausdrucksvoll vortragen, ein Instrument spielen, gut zeichnen: das ist ja alles gut und recht, aber es bringt nichts.

Gute Musikerziehung in der Schule ist selten geworden: Vielfach werden die im Stundenplan stehenden Musiklektionen für anderes verwendet oder erschöpfen sich im Hören und Mitsingen von Popmusik. Von der musikalischen Kultur der Vergangenheit erfahren viele Schülerinnen und Schüler in der Schule kaum etwas. Ein grosser Teil der Schulabgänger – mit Ausnahme derjenigen, die eine Musikschule besucht haben – sind musikalische Analphabeten: sie kennen nicht einmal die Noten, sind nicht imstande, eine einfache Melodie nachzusingen oder einen Rhythmus nachzuklatschen. Im Bericht des Bundesrates über die „Musikalische Bildung in der Schweiz", der vor einem Jahr erschien, berichtet ein Gymnasiallehrer, dass die Schülerinnen und Schüler am Anfang des Gymnasiums (also einer Auswahl) im besten Fall über ein musikalisches Wissen verfügen, das den Lehrplänen des 5. Schuljahres entspricht. In der Ausbildung der Lehrkräfte – auch für die Unter- und Mittelstufe, wo ein integrales Patent erworben wird, ist das Fach Musik neuerdings fakultativ, so dass damit gerechnet werden muss, dass immer mehr Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Klassen nicht mehr singen, geschweige denn die Elemente der Musik (was etwa dem ABC oder dem Einmaleins entspräche) erarbeiten können. Professor Jakob Stämpfli, ehemaliger Präsident des Schweizer Musikrates SMR, schrieb im September 2005 in der „Musikzeitung": „Die Schulen ziehen sich mit faulen Ausreden weitgehend aus der musikalischen Erziehung zurück". Er hat grundsätzlich recht, nur sind die Lehrkräfte nicht selbst schuld, dass sie vielfach gar nicht in der Lage sind, einen guten Musikunterricht zu erteilen: Sie sind dazu schlecht oder gar nicht ausgebildet, und das geht auf das Konto der Politik und auch ein wenig auf jenes des SMR, der zur Verbesserung der Ausbildung der Lehrkräfte in Musik zu wenig unternommen hat.

Die Lehren, die hierzulande aus den PISA-Studien gezogen werden, sind die gleichen und ebenso einseitig (und einfältig) wie bei unsern nördlichen Nachbarn: Auch unsere Erziehungs-Direktoren-Konferenz (sie entspricht der KMK, der deutschen Kultur-Minister-Konferenz) will Standards erarbeiten – das Projekt HarmoS liegt