Schon am 19. Januar 1996 befasste sich der Ausschuss der KMS mit dieser Verordnung des Bundesrates, die am 1. August 1995 in Kraft getreten war und den Kantonen 8 Jahre Zeit liess, um sie umzusetzen. Weil mit der neuen Lehrerbildung zukünftig eine Matura vorweisen musste, wer Lehrerin oder Lehrer werden wollte, hätten nach unserer Meinung die Gymnasien in die Lücke springen und dafür sorgen müssen, dass die zukünftigen Lehrkräfte in der Musik sattelfest werden.

Die KMS wandte sich im Mai 1996 mit einem Brief aus meiner Feder an die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren; er lautete:

Sehr geehrter Herr Regierungsrat (… Frau Regierungsrätin),

die Koordination Musikerziehung Schweiz vertritt als Dachorganisation die Verbände EMV Eidge­nössischer Musikverband, EOV Eidgenössischer Orchesterverband, SCV Schweizerische Chorver­einigung, VMS Verband Musikschulen Schweiz, SAJM Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Jugend und Musik, SNWV Schweizerischer Musikpädagogischer Verband, Arbeitsgemeinschaft der Schulmusik-Seminarleiter und SKSM Schweizer Konferenz Schulmusik. Durch diese breite Abstüt­zung sind wir sowohl legitimiert wie verpflichtet, uns zur Umsetzung des MAR zu äussern, und wir erwarten, dass wir unserem Gewicht entsprechend angehört werden.

Wir wenden uns an Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen, weil wir in Sorge sind und feststellen mussten, dass die Kunstfächer und damit auch die Musik nicht in allen Kantonen ihrer Bedeutung entsprechend eingebaut werden sollen.

Der Musikunterricht trägt Wesentliches bei zur ganzheitlichen Ent-wicklung des Menschen durch eine harmonische Ausbildung der emotionalen, rationalen und psychomotorischen Kräfte. Er fördert Intui­tion und Kreativität. Die Sensibilisierung der Jugendlichen für die ästhetischen Qualitäten musika­lischer Kunst, das seelische und körperliche Erleben und das Be­wusstwerden von Ordnungsprinzipien und künstlerischen Freiheiten, von Spannung und Entspannung, von Konsonanz und Dissonanz sollen geweckt und gefördert werden. Im Umgang und in der Auseinandersetzung mit der Musik werden für die Lebensbewältigung entscheidende Haltungen - soziales Handeln, Geduld, (Selbst-) Disziplin, Konzentrationsfähigkeit - gefördert. (Diese Sätze stammen nicht etwa von uns, sie sind zitiert aus dem von der EDK erarbeiteten und beschlossenen Rahmenlehrplan für die Maturitätsschulen.) Dar­über hinaus weisen neuere Forschungen darauf hin, dass Musik als autonome Geistestätigkeit mit einem eigenen Symbolsystem seit Jahrtausenden unlösbar zum Menschen gehört und nicht vernachläs­sigt werden darf. In diesem Zusammenhang weisen wir hin auf die Ergebnisse der Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht und auf eine Studie von Dr. Alfred Zürcher, wonach die Maturanoten von Schülern der Kantonsschule Aarau, die das Fach Musik gewählt hatten, deutlich über dem Durch­schnitt liegen.

Es gibt aber auch einen praktischen und handfesten Grund, weshalb die Kunstfächer und insbesondere die Musik im Fächerkanon der Maturitätsschulen einen gewichtigen Platz einnehmen müssen, nämlich den Zusammenhang mit der Lehrerbildung. Diese soll ja zukünftig (gemäss den 'Empfehlungen' der EDK vom Oktober 1995) in allen Kantonen auf tertiärer Stufe erfolgen, und damit geht die Verant­wortung für die umfassende Vorbildung zum Lehrerberuf von den Lehrerseminaren auf die Gymna­sien über. Während die Pädagogische Hochschule die beruflichen Qualifikationen zu vermitteln hat, müssen die fachlichen Kompetenzen auf Grund breiten Wissens und Könnens im Gymnasium erarbei­tet werden; und dazu gehören unabdingbar auch die musischen Fächer.

Lehrkräfte vom Kindergarten bis zum 6. Schuljahr erhalten ein integrales Patent, weil sie in aller Regel Klassenlehrer sind und sämtliche Fächer, also auch Musik und Zeichnen unterrichten müssen, und zwar nicht irgendwie, sondern gemäss Lehrplan. Dazu sind sie aber vor allem im Fach Musik nur dann in der Lage, wenn sie sich bereits in der Jugend entsprechende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten angeeignet haben: sie müssen sich in der Musiktheorie auskennen, gut singen und ein Instrument spielen können. Im Erwachsenenalter ist es für den Aufbau grundlegender Kompetenzen zu spät, und in der Pädagogischen Hochschule, wo die Musik zwar sorgfältig gepflegt werden sollte, steht dafür keine Zeit mehr zur Verfügung. Daher sollten sowohl Musik wie Bildnerisches Gestalten während der gesamten Gymnasialzeit belegt werden können, das eine Fach als Schwerpunkt- das andere als Ergänzungsfach. Instrumentalunterricht sollte obligatorisch sein für alle Schülerinnen und Schüler mit Musik als Schwerpunktfach; für solche mit Musik als Ergänzungsfach wäre obligatori­scher Instrumentalunterricht zumindest wünschbar.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich die folgenden Forderungen:

Bei den Grundlagenfächern sollten sowohl Zeichnen/Bildnerisches Gestalten wie Musik in der Quarta mit je 2 Lektionen dotiert, nachher jedoch wahlweise mit 2 Lektionen angeboten werden. Damit ergeben sich für den Bereich Kunstfächer total 10 Lektionen oder 8% von 125 Lektionen (verlangt sind 5-10%).

Als Schwerpunktfach sollte die Musik vier Jahre hindurch angeboten werden, und zwar mit 18 Lektio­nen (wie das in den Kantonen Bern und Solothurn bereits vorgesehen ist). Auch als Ergänzungsfach sollte sie mit 6 Lektionen (wie in Bern und Solothurn) dotiert sein. Die vorgeschlagenen total 24 Lektionen im Wahlbereich ergeben 19,2% und liegen damit, auch wenn die Maturaarbeit noch auf­zurechnen ist, im verlangten Bereich von 15-25%.

Das Fach Musik ist höchst anspruchsvoll; es muss daher von unmotivierten Leuten verschont werden. Falls eine Aufnahmeprüfung nicht möglich ist, wäre ein Probesemester vorzusehen. Ausserdem sollte für alle Gymnasiasten Chor und Ensemblespiel als Freifach angeboten werden. Wünschbar wären - auf interkantonaler oder regionaler Ebene - Klassen für musikalisch Hochbegabte, die am Konservatorium studieren und gleichzeitig die Matura erwerben möchten.

Wir hoffen, sehr geehrter Herr Regierungsrat, dass Sie unseren Überlegungen im Interesse der 'Jugendlichen, die nicht nur eine intellektuelle Schulung, sondern zusätzlich eine breite, ausgewoge­ne, auch musische Bildung und die Entwicklung und Festigung ihrer Persönlichkeit anstreben' (Zitat aus dem Rahmenlehrplan für die Maturitätsschulen) die gebührende Beachtung schenken und grüssen Sie …

Bis zum 13. Juni hatten 12 Erziehungsdirektor(inn)en auf unser Schreiben geantwortet. Im Kanton Glarus, wo die neue Regelung bereits in diesem Jahr in Kraft trat, zeigte sich allerdings, dass nur 3 Gymnasiasten das Schwerpunktfach Musik wählten, wobei es trotzdem durchgeführt wurde. Wir überlegten, ob es Im Blick auf die Lehrerbildung nicht besser gewesen wäre, für beide Kunstfächer als obligatorische Grundlagenfächer durchgehend zwei Lektionen zu fordern, und wir nahmen uns vor, das in der Lehrerbildungseingabe nachzuholen.

Besonders erwähnen möchte ich die Antwort des bernischen Erziehungsdirektors Peter Schmid, der damals Präsident der EDK war. Er schrieb unter anderem:

Die von Ihnen aufgeführten Erläuterungen und Begründungen haben uns veranlasst, im Kanton Bern aus einem Teil der Seminare Maturitätschulen mit den besonderen Schwerpunkten im musischen Bereich entstehen zu lassen. Für die Grundlagenfächer im Bereich Kunst haben wir einen Umfang von 8% als Planungsvorgabe festgelegt. Das Schwerpunktfach Musik sieht zudem obligatorischen Instrumentalunterricht vor. Ferner soll versucht werden, an einer Maturitätschule Hochbegabte in den Bereichen Kunst, Musik und Sport besonders zu fördern.

Und gefreut hat mich natürlich auch der letzte Satz: Für Ihren unermüdlichen Einsatz zugunsten der Musikerziehung danke ich Ihnen bestens und ich hoffe, dass Sie Verständnis für meine Zurückhaltung in der Beeinflussung meiner Kolleginnen und Kollegen (der EDK) zeigen.

Tatsächlich wurde, wie ich es vorgeschlagen hatte, am ehemaligen Seminar Hofwil eine Gymnasialklasse für Hochbegabte eingerichtet, die seither bestens funktioniert.

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