Eine Lanze für die Kultur   "Bund" vom 12. Dezember 2008

Kultur geht immer alle an, jede und jeder Einzelne ist dafür mitverantwortlich. Alle sind wir Kultur schaffend, und zwar umso mehr, als wir nicht nur Kultur konsumieren, sondern kulturell irgendwie aktiv sind. Denn Kultur manifestiert sich nicht nur in den Künsten, sondern überall und jederzeit: in unserer Kleidung, im Blumenschmuck der Häuser und Gärten, in der Qualität der Blasmusiken und der Chöre, den Besucherzahlen von Museen, Konzerten und Theatern, aber auch in der sorgfältigen Pflege sowohl der eigenen Mundart wie der entsprechenden Hochsprache und deren kulturellem Hintergrund.

Der wichtigste und breiteste Kulturträger ist die obligatorische Schule. Sie hat die Aufgabe, den Kindern unser kulturelles Erbe nahe zu bringen, durch das Erarbeiten von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen die ästhetische Wahrnehmung zu entwickeln und auch die Grundlagen der Musik zu vermitteln. Sie muss unsere gemeinsame kulturelle Identität bewusst machen und so die Schülerinnen und Schüler befähigen, sich selbstbewusst mit andern Kulturen auseinanderzusetzen.

Diese noble Aufgabe der Schule wurde in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund gedrängt, und von diesem Abbau ganz besonders betroffen ist die Musikerziehung. Viele Lehrkräfte sind vom anspruchsvollen Fach Musik überfordert, weil sie schlecht ausgebildet sind. In vielen Schulen wird kaum noch gesungen, es werden gar Musiklektionen für andere Fächer verwendet. Während man früher von Lehrkräften einen breiten kulturellen Hintergrund und ein künstlerisches Flair erwartete, zählen heute immer mehr nur die „harten" Fächer. Das zeigt sich in der Ausbildung, wo das Fach Musik nur noch einen geringen Stellenwert hat. Man scheint vergessen zu haben – was jedoch die neuere Forschung bestätigt – dass gerade Singen und Musizieren für die Entwicklung der Persönlichkeit sehr wichtig wären. Hier ist Gegensteuer nötig: Wenn der Schule die Künste ausgetrieben werden, dann verarmt und verödet nicht nur sie; die Grundlagen unserer ganzen Kultur sind gefährdet.

1998 erhielt der Bund mit dem Artikel 69,2 der neuen Bundesverfassung die Möglichkeit, „Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung" zu fördern, und interessanterweise war es in den Beratungen einzig um die Musikerziehung in der Schule gegangen. Auf Grund dieses Artikels verlangten die 1999 als Postulate überwiesenen Motionen Danioth und Bangerter gesetzliche Grundlagen für die Pflege der Musik in der Schule und die Ausbildung der Lehrkräfte in Musik. Die Umsetzung dieser Forderungen würde wenig kosten: Zwar müsste in die Ausbildung etwas investiert werden, aber die Unterrichtslektionen werden bereits heute bezahlt, und gute Lektionen kosten nicht mehr als schlechte. Weil sich aber die Konferenz der Erziehungsdirektoren dagegen stemmte, wurden diese Vorschläge nicht in das Kulturförderungsgesetz aufgenommen. Auch der Antrag des Schweizer Musikrats zur Förderung und Koordination der schulischen und ausserschulischen musikalischen Bildung fand keine Gnade.

Nächste Woche bietet sich im Nationalrat die letzte Chance, im Rahmen des Kulturförderungsgesetzes etwas von dem zu verwirklichen, was der Gesetzgeber eigentlich wollte: Susanne Leutenegger Oberholzer schlägt für Art. 10 als neues Alinea a vor:

Der Bund fördert in Ergänzung zu kantonalen und kommunalen Bildungsmassnahmen die musikalische Bildung.

Ich hoffe, dass der Nationalrat zustimmen und damit ein Zeichen setzen wird für die Pflege der Kultur an der Basis und für eine lebensfrohe Schule.

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