5.11  Kritische Rückschau

Wenn ich heute, als 93-Jähriger auf diese Zeit zurückblicke, muss ich leider feststellen, dass meine politischen Aktivitäten trotz enormem Arbeitsaufwand und Engagement wenig gebracht haben für einen besseren Musikunterricht in den Schulen. Zwar gab es einen spektalulären persönlichen Erfolg, nämlich den Artikel 69.2 in der Bundesverfassung. Aber er diente dann nicht als Grundlage für ein Gesetz über Musikerziehung, was auf Grund der Debatte im Parlament seine eigentliche Zweckbestimmung gewesen wäre. Die beiden Motionen zu seiner Umsetzung wurden ja systematisch, aber lautlos bekämpft und schliesslich versenkt, und die treibende Kraft in diesem Trauerspiel war ausgerechnet der Musikrat, in dessen Namen und Auftrag sie eingereicht worden waren.

Der Artikel 69.2 diente stattdessen als Grundlage für das Gesetz über die Kulturförderung. Diese Umdeutung haben die Juristen des BAK auf raffinierte Weise zustande gebracht, und es ist eine zynische Tatsache, dass in diesem Gesetz der schulische Musikunterricht keinen Platz findet.

Einer der Gründe für das Scheitern könnte in den Strukturen gelegen haben: Die SKSM war zwar als Nachfolgerin der erfolgreichen IASEM in den Kantonen verankert, aber sie hatte keine Basis. Denn die Lehrerinnen und Lehrer, die Musik unterrichten, waren nicht organisiert. Das wäre vielleicht möglich geworden, wenn – wie ich es vorgeschlagen hatte - durch die SKSM Weiterbildungskurse für Erweiterten Musikunterricht mit Zertifikatsabschluss angeboten worden wären.

Immerhin hatte die SKSM einen guten Namen beim Musikrat (der auf meiner Arbeit gründete). Deshalb hätte ich mich besser selber in den Vorstand wählen lassen sollen, statt Paul Vonarburg zu empfehlen, der uns dann entscheidend geschadet hat. Als Vorstandsmitglied hätten mir alle die geschilderten Gemeinheiten nicht widerfahren können. Ich hatte ja auch mit niemandem Differenzen.

Auch die KMS war verletzlich: Sie war auf Anregung der SKSM (eigentlich von mir) im August 1995 gegründet und die SKSM mit ihrer Leitung betraut worden,. Die Arbeitssitzungen leitete zwar Paul Vorarburg, aber ich war Geschäftsführer, und die Impulse kamen alle von mir. Alles ging zwar mit rechten Dingen zu: die Verbände wurden laufend konsultiert und orientiert. Aber wenn die Angreifer wie hier „auf den Mann“ spielten, nämlich gegen meine Person, dann hielten die Strukturen nicht stand.

Damals schienen grosse Veränderungen durchaus möglich: Ein eidgenös-sisches Gesetz über Musikerziehung war nicht nur eine romantische Träu-merei, eines Utopisten, es war das ernsthafte Anliegen von bewährten bürgerlichen Politikern. Die Realisierung wäre vielleicht nicht vollständig geglückt, aber mit Hilfe der KMS – wenn sie nicht mutwillig zerschlagen worden wäre – hätten wir bestimmt einiges erreichen können, etwa bei den Pädagogischen Hochschulen oder für ein schweizerisches Kurszentrum für Musik analog zu Magglingen. Aber alles dies ist kaputtgemacht worden durch die Ränke von Frau Bally.

Schon Ende 1997 hatte ich auf Unstimmigkeiten aufmerksam gemacht (damit aber keine Besserung erwirkt, sondern wahrscheinlich eher neue Ränke geschürt):

Offene Fragen an Frau Bally

1 Im Protokoll der DV des SMR vom 22.11.97 steht auf Seite 4:

‚Revision der Bundesverfassung’

Die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS und der SMR haben im April im Rahmen der Vernehmlassung zur Bundesverfassung je einen Artikel zugunsten der Musik vorgeschlagen. Der SMR hat zudem den Kulturförderungsartikel, wie ihn das Bundesamt für Kultur vorbereitet hat, zur Aufnahme in die BV empfohlen.‘

In dieser Formulierung ist zweierlei falsch: Die Vernehmlassung dauerte bis Ende Februar 1996, und die damals noch absolut unabhängige KMS hat ihre Eingabe fristgerecht eingereicht. Der SMR dagegen hat seinen Vorschlag erst im April 1997, also nicht mehr im Rahmen der Vernehmlassung, in einem Brief an den Präsidenten der Verfassungskommission formuliert.

Der erwähnte Protokoll-Text wurde an der ausserordentlichen DV vom 29.8.98 beanstandet, die Diskussion darüber auf die ordentliche DV verschoben, dort aber merkwürdigerweise nicht traktandiert.

Frage: Warum diese offensichtliche Falschinformation? Soll der (falsche) Eindruck erweckt werden, die Initiative sei vom SMR, und zwar rechtzeitig, ausgegangen?

2 Im ‚Tätigkeitsbericht für die Periode Oktober 1997 bis Oktober 1998‘, der mit der Einladung zur DV 1998 verschickt wurde, steht auf Seite 4:

‚Reform der Bundesverfassung         

Der SMR hatte im Februar 1996 termingerecht seine Stellungnahme zur Revision der BV abgegeben.

Auch dieser Satz ist falsch.

Frage: Was bezweckt diese neue Unwahrheit?.‘

Am gleichen Ort steht weiter unten:

  1.                           ‚Unter Einsatz vieler Kräfte und vereintem Lobbying wurde der Artikel vom Nationalrat im Januar 1998 angenommen und in der Junisession auch vom Ständerat.‘

    Auch hier ein Fehler: Der Nationalrat behandelte das Geschäft nicht im Januar, sondern am 28. April 1998. Beanstandet werden muss aber hier die gewundene Formulierung, die sorgfältig vermeidet, den Anteil der KMS am Erfolg auch nur zu erwähnen. Tatsache ist ja, dass der SMR bezüglich Ständerat einfach nichts unternommen hat, dass dieser ohne die Intervention der KMS den Antrag Ostermann zweifellos zurückgewiesen und ihm damit bei der anschliessenden Differenzbereinigung im Nationalrat keine Chance gelassen hätte.

Frage: Warum darf nicht wahr sein, was die KMS geleistet hat?

4  Im oben erwähnten ‚Tätigkeitsbericht für die Periode Oktober 1997 bis Oktober 1998‘ steht auf Seite 2, unter Stiftung Jugend+Musik (J+M):

‚Aus einer ursprünglich bescheidenen Idee, sich der musikalischen Förderung Jugendlicher anzunehmen, ist im Verlauf der Jahre eine gesamtschweizerische Vision entstanden.‘

Dieser Satz ist ein mieser Tiefschlag gegen den Initianten von Jugend+ Musik, Ernst Waldemar Weber. Dieser hat schon vor vielen Jahren die Vision entwickelt, unter dem Namen ‚Jugend+Musik‘ eine Institution zu schaffen, die der mächtigen Institution ‚Jugend+Sport‘ entspricht. Diese Vision umfasste weit mehr als ‚die musikalische Förderung Jugendlicher‘, nämlich sämtliche Kinder vom Kleinkind (unter Einbezug der Eltern) bis zum jungen Erwachsenen, alle Arten von Musizieren (Singen, Instrumentalspiel und Tanz) in allen Stilen, und sie bezog sich auch auf den Musikunterricht in den öffentlichen Schulen aller Stufen.

Frau Bally hat es geschafft, Ernst Weber aus der Weiterbearbeitung seiner Vision auszuschliessen. Die neue Arbeitsgruppe ‚Jugend+Musik‘ hat kürzlich das klägliche Resultat aus vier Sitzungen vorgestellt: Vereinsstatuten mit einem sehr eingeschränkten Vereinszweck und ein Reglement für einen noch nicht existierenden Fonds. Die Leute in dieser Arbeitsgruppe mögen gut qualifiziert sein, aber visionär engagiert sind sie bestimmt nicht. Die Luft ist eindeutig draussen, und wenn es nicht das (von Ernst Weber vorgeschlagene und in Fahrt gebrachte) Musikfest J+M gäbe, würde dieses Malaise auch nach aussen sichtbar.

Frage: Müsste es richtigerweise nicht heissen: ‚Aus einer grossen Vision ist ein graues Vereinli geworden‘ ?

Mit Staunen sehe ich aus der zeitlichen Entfernung, wie ich als Idealist und an Treu und Glauben vertrauender tumber Tor in das Haifischbecken des Musikrats geraten bin und natürlich keine Chance hatte. Da waren die beiden Präsidenten: Der eine ein erfolgreicher Oratoriensänger (und mein ehemaliger Lehrer) – er lebt nicht mehr, also schweige ich zu seinem Charakter – der andere ein guter, etwas blutleerer Chordirigent, aber ein Narziss mit diktatorischen Allüren, und beide raffiniert und eng gegängelt von  der tüchtigen, äusserst raffinierten und intriganten Sekretärin Ursula Bally, vom Bassinrand her aktiv unterstützt durch Frau Egerzsegi.

Erstaunlicherweise habe ich persönlich diese hinterhältigen Angriffe ohne Schaden wegstecken können. Es ging mir ja nie um mich, sondern immer nur um die Sache. Das raffinierte Mobbing allerdings, dessen Wirkung ich manchmal noch heute spüre, aber nie zu fassen kriege, das tut mir weh.

Dabei darf ich vielleicht doch erwähnen, dass bei mir einige Verdienste nicht zu übersehen waren: Mit meinen Schulversuchen, dem Nationalfondsprojekt und meinen Vorschlägen und Ideen – nicht zuletzt der Idee ‚Jugend+Musik’ – hatte ich in der Schweiz ein Thema gesetzt, das zwanzig Jahre virulent blieb. Und ich hatte eine enorme Arbeit geleistet. Die Art und Weise, wie mit mir verfahren wurde, ist beschämend.