5.9   Der dritte Brief an die Erziehungsdirektionen

vom 21.9.99war von mir angeregt und entworfen und bei den Verbänden in die Vernehmlassung gegeben worden; er war begleitet von einem Anhang mit der Begründung der einzelnen Punkte. Frau Bally brachte es zustande, dass er ohne die Unterschrift der KMS, dafür aber derjenigen von Frau Mürner (für Jugend+Musik) abgeschickt wurde. Leider kann ich die Originale nicht vorlegen, wohl aber die bereinigten Entwürfe:

Sehr geehrter Herr Regierungsrat,

die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS, eine ständige Kommission des schweizerischen Musikrats und der Schweizer Musikrat SMR machen sich Sorgen um die Zukunft der Musikerziehung in der Schweiz, insbesondere auf der Grund- und der Primarstufe und im Zusammenhang mit dem Übergang zur tertiären Lehrerbildung. Die beiden Organisationen verweisen auf ihre Schreiben an die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren vom April 1996 betreffend MAR und vom September 1996 betreffend Lehrerbildung und ersuchen Sie um ein Gespräch über die nachfolgend aufgelisteten und im Anhang begründeten Punkte:

  1. Das Fach Musik hat sich profiliert: Es muss mehr als bisher ernst genommen werden.

  2. Alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe müssen mit ihrer musikalischen und fachdidaktischen Kompetenz den Anforderungen des Lehrplans genügen.

  3. An den Pädagogischen Hochschulen muss eine genügende Stundendotation in Musik und im Instrumentalunterricht gewährleistet sein. Die PHs sind aber weder beauftragt noch in der Lage, musikalische Grundkompetenzen zu vermitteln. Kandidatinnen und Kandidaten für die Ausbildung zu Grund- oder Primarlehrkräften müssen sich daher nach dem ersten Studienjahr einer Eignungsprüfung stellen. Falls die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann zu diesem Zeitpunkt ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.

  4. Wie im Falle von Deutsch oder Mathematik darf ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden.

  5. Wenn nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird.

  6. Als Sofortmassnahmen drängen sich auf: Eine bessere Überprüfung des Unterrichts in Musik auf allen Stufen und die Bearbeitung allfälliger Defizite in der Lehrerfortbildung. Ferner muss die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner entscheidend verbessert werden.

  7. Auf Grund breiter Abstützung bei den angeschlossenen Verbänden fordern die KMS und der Schweizer Musikrat einen offenen Dialog über die angesprochenen Probleme und die baldige Einberufung einer Tagung zur Schulmusik im Rahmen der EDK.

Der Schweizer Musikrat und die Koordination Musikerziehung Schweiz (die ihr angeschlossenen Verbände umfassen gesamthaft mehr als 240.000 Mitglieder) ersuchen Sie, das Anliegen angesichts seiner Wichtigkeit im Rahmen der EDK zu besprechen. Für die Organisation der vorgeschlagenen Tagung wird Ihnen das Sekretariat des Schweizer Musikrats, Haus der Musik, Gönhardweg 32, 5000 Aarau gerne behilflich sein.

Mit freundlichen Grüssen

 

Der Anhang zu diesem Schreiben lautete:

ÜBERLEGUNGEN ZUM FACH MUSIK

  1. Das Fach Musik hat sich gewandelt

      Seine Inhalte gehen heute weit über das frühere „Singen“ hinaus: Das Fach umfasst die Musikwelt in ihren vielen (früheren und heutigen) Erscheinungsformen und Stilrichtungen, es schliesst auch die Bewegung mit ein, und es versucht, all dies und die elementar-theoretischen Grundlagen möglichst durch aktives Tun der Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Mehr und mehr – nicht zuletzt auf Grund der Resultate der schweizerischen Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht – setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass in der Musik ein enormes pädagogisches Potential liegt. Weil Musik zudem praktisch zu allen Fächern in Beziehung steht, bietet sie sich als fächerverbindendes Element in ganz besonderem Masse an.

  2. Anforderungen an eine Grund- und Primarlehrkraft im Fach Musik

    Die Lehrkräfte dieser Stufen wirken als Klassenlehrer und haben sämtliche Fächer zu unterrichten, also auch Musik. Um den Vorgaben des Lehrplans gerecht zu werden, müssen die Anforderungen an Stimme, Instrument und Ensembleleitung auf einem für das Unterrichten notwendigen Niveau erfüllt sein. Unabdingbar sind – über allgemeines pädagogisches Geschick hinaus – besondere musikdidaktische Fähigkeiten.

  1. Die Zulassung zu den Pädagogischen Hochschulen

  Die Lehrerseminare hatten noch die Möglichkeit, diesen Anforderungen gerecht zu werden, weil sie minimale Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Aufnahme prüfen konnten und weil ihnen 5 Jahre und eine genügende Stundendotation zur Verfügung standen. Es ist offensichtlich, dass die tertiäre Lehrerausbildung diese Leistungen nicht mehr erbringen kann: Sie dauert weniger lang, und für die Musik steht nur noch ein Bruchteil der Lektionen zur Verfügung. Zudem ist es im Zeitpunkt des Studienbeginns an einer Pädagogischen Hochschule vom Alter her nicht mehr möglich, musikalische Grundkompetenzen zu erwerben.

  Die „Empfehlungen zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen“ vom 26. Oktober 1995 stipulieren als Zulassungsvoraussetzung an Pädagogischen Hochschulen eine gymnasiale Maturität. Diese reicht aber im Fach Musik bezüglich der Anforderungen an eine Lehrkraft der Grund- und Primarstufe nicht aus.

  • Daher müssen Volkschule und Gymnasium diese Fähigkeiten in den musischen Fächern garantieren. In keinem Maturitätsprofil dürfen sich die Fächer „Zeichnen/ Bildnerisches Gestalten“ und „Musik“ gegenseitig ausschliessen.

  • Eine Beschränkung der Zulassung für die Ausbildung als Lehrkraft der Grund- und der Primarstufe würde eine Änderung der „Empfehlungen“ unter B,4 bedingen. Das bernische Lehrerbildungsgesetz beispielsweise lässt für diese Stufen nur Maturandinnen und Maturanden zu, wenn sie „überdies Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse in Musik sowie zeichnerisch-bildnerischem Gestalten und Werken“ nachweisen können.

  • An den Pädagogischen Hochschulen soll nach dem ersten Studienjahr eine Eignungsprüfung über die definitive Zulassung zum Studium als Lehrkraft der Grund- und Primarstufe entscheiden. Wenn die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann nach dieser pädagogischen Grundausbildung ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.

    Diese Massnahmen wirken sich positiv auf die vorangehenden Schulstufen aus.

  1. Die Ausbildung der Lehrkräfte im Fach Musik

  Die Lehrkompetenz sicherzustellen ist für die Berufsbildungsinstitute möglich; sie können aber nicht gleichzeitig Fertigkeitslücken schliessen. Die Erfahrungen zeigen deutlich, dass Defizite im Bereich Musik, die in den ersten Schuljahren entstanden, nur ausnahmsweise, und dann mit grossem Aufwand, zu schliessen sind.

      Selbstverständlich darf, wie das auch etwa im Falle von Deutsch oder Mathematik der Fall ist, ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden. Wenn jedoch nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird. Diese verhängnisvolle Entwicklung zeichnet sich heute bereits ab.

      Damit wäre der Fortbestand des Faches Musik in Frage gestellt, und der Schaden an der Basis unserer musikalischen Kultur wäre enorm. Wenn wir auf die kulturellen, pädagogisch integrierenden und präventiven Qualitäten des Musikunterrichts in der Schule nicht verzichten wollen, drängen sich entschiedene Massnahmen auf.

  1. Dringliche Massnahmen

      Der Musikunterricht muss auf allen Stufen wirklich und kompetent erteilt werden. Es sind alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die geeignet sind, den gegenwärtigen Notstand zu entschärfen.

    -   Auf den ersten Blick scheint Spezialisierung und Aufteilung der Fächer innerhalb eines Schulhauses eine bestechende Lösung zu sein. Sie ist es aber nur dann, wenn das Fach Musik von einer hauptamtlichen Fachlehrkraft mit zusätzlicher Verankerung in mehreren Fächern erteilt wird, sonst besteht die Gefahr von Schiffbruch und Verheizung. Zudem zielt die moderne Pädagogik auf Ganzheitlichkeit und Vernetzung; eine Fächeraufteilung schon auf der Unterstufe steht dieser Tendenz diametral entgegen.

  • Für die Lehrerschaft der Grund- und Primarstufe sind im Falle von Defiziten in der musikalischen oder fachdidaktischen Kompetenz obligatorische Fortbildungskurse anzubieten.

  • Die Kompetenzen der Fachlehrkräfte auf der Sekundarstufe sind an den entsprechenden Diplomanforderungen der Hochschulen für Musik zu messen und zu überprüfen.

  • Die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner muss entscheidend verbessert werden, z.B. durch ein Nachdiplom-Studium.

6   Aufruf zum Dialog

Dieses Schreiben ist seiner Wichtigkeit und Dringlichkeit wegen allen Verbänden, die der KMS angehören (gesamthaft vertraten sie mehr als 240.000 Mitglieder) zur Vernehmlassung vorgelegt worden. Aus den eingegangenen Antworten ergibt sich der klare Auftrag, nun mit Nachdruck einen fundierten Dialog über die aufgeworfenen Fragen zu fordern, z.B. im Rahmen der EDK. Zu einer ersten Tagung – wenn immer möglich noch im laufenden Jahr – sind fachlich kompetente Vertreter der Erziehungsdirektionen und Delegierte der Verbände und des Musikrates einzuladen.

Der akuten Gefahr einer Marginalisierung der Musik in der Schule und damit einer kulturellen Verarmung unseres Landes kann so entgegengewirkt und gleichzeitig dem Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, der die Förderung „von Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung“ vorsieht, Rechnung getragen werden.

Wie die Reaktionen der Erziehungsdirektionen ausfielen, kann ich nicht beurteilen, weil ich dazu keinen Zugang mehr hatte. Immerhin liegt vor mir das Schreiben des bernischen Erziehungsdirektors, das durchaus positiv ist. Soviel ich weiss, wurde eine Delegation nach Bern in die EDK eingeladen; aber es hiess, man hätte ihnen einfach die EDK gezeigt. Substantielle Verhandlungen gab es offenbar auch später nicht. In den Berichten der KMS an den Delegiertenversammlungen des SMR hiess es etwa, Gespräche seien geplant.

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